Was geht mich der Nationalsozialismus noch an?! Azubis auf Spurensuche im eigenen Betrieb
Laufzeit: 2024–2026
Ende 2024 starteten wir das Projekt „Was geht mich der Nationalsozialismus noch an?! Azubis auf Spurensuche im eigenen Betrieb“. Mit diesem Projekt möchten wir eine bisher wenig beachtete Zielgruppe dazu ermutigen, sich mit der NS-Zeit auseinanderzusetzen. Als Kooperationspartner:innen konnten wir dafür die Leipziger Stadtverwaltung und die Leipziger Verkehrsbetriebe gewinnen. Zudem erhalten wir für das Projekt eine zweijährige Förderung vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) und der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ) im Rahmen des Programms „JUGEND erinnert vor Ort & engagiert“. Unter dem Motto „Mit der Zielgruppe für die Zielgruppe“ entwickeln wir bis Ende 2026 gemeinsam mit Pilotgruppen von Auszubildenden Konzepte für Projekttage sowie analoge und digitale Vermittlungsangebote. Diese Angebote richten sich dann an Auszubildende zukünftiger Jahrgänge. In den Workshops laden wir die Azubis ein, sich ausgehend von ihrem beruflichen Alltag und ihren damit verbundenen Erfahrungen und Kompetenzen mit NS-Zwangsarbeit im eigenen Betrieb bzw. Verwaltungszweig zu befassen. Ziel ist es dabei, das Thema NS-Zwangsarbeit als festen Bestandteil in den Ausbildungsplänen und in den Betrieben zu verankern.
Historischer Hintergrund
Den historischen Hintergrund und zugleich Ausgangspunkt des Projektes bildet der Themenkomplex NS-Zwangsarbeit bei kommunalen Leipziger Betrieben und der städtischen Verwaltung. Während des Zweiten Weltkriegs leisteten in Leipzig mindestens 75.000 Menschen aus ganz Europa Zwangsarbeit. Sie wurden nicht nur in Rüstungsbetrieben, Privathaushalten und Handwerksbetrieben, sondern auch in zahlreichen städtischen Einrichtungen eingesetzt – etwa bei den Stadtwerken, in der Trümmerbeseitigung, bei der Instandsetzung von Wohnraum oder bei den Leipziger Verkehrsbetrieben (LVB).
NS-Zwangsarbeit und Stadtverwaltung
Zugleich waren zahlreiche städtische Einrichtungen mit administrativen Aufgaben innerhalb der Verwaltung und Organisation des Zwangsarbeitseinsatzes betraut. So überprüfte beispielsweise das Baupolizeiamt die Errichtung von Barackenlagern, während das Gesundheitsamt etwa die Desinfektion der ausländischen Zwangsarbeiter:innen in der damaligen städtischen Desinfektionsanstalt in der Dauthestraße koordinierte. Zugleich verpachtete die Stadt Grundstücke an Firmen für die Errichtung von Lagern, wie z.B. im Jahr 1944 ein Flurstück an der heutigen Parkallee an die Allgemeine Transportanlagen GmbH (ATG), die dort ein KZ-Außenlager für ungarische Jüdinnen errichtete. Zudem betrieb die Stadt auch eigene Lager für die Unterbringung von zivilen Zwangsarbeiter:innen und Kriegsgefangenen, die insbesondere nach Luftangriffen bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt wurden. Eines dieser Lager befand sich in der ehemaligen Annenschule, am heutigen Standort der Moritzbastei. Neben Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter:innen, die auch für das Zentralgaswerk oder die Reichsbahn arbeiten mussten, wurden dort Ende Februar 1944 über 600 sogenannte Ostarbeiter einquartiert. Auch sie sollten für „Sofortmaßnahmen“ herangezogen werden. Einer von ihnen war der damals 18-jährige Iwan Romas, der aus dem Osten der heutigen Ukraine zur Arbeit ins Deutsche Reich verschleppt wurde. Viele Jahre später schilderte er in einem Brief an den damaligen Leipziger Oberbürgermeister Tiefensee seine Erfahrungen: „Ich musste meine Arbeit machen, nach der Bombardierung Aufräumarbeit. In der Bank neben dem Hauptbahnhof und am Bahnhof selbst, auf dem Flugplatz und in den Dörfern nach der Bombardierung und im Hauptgebäude des Rathauses habe ich alle möglichen Arbeiten gemacht. Nach 59 Jahren kann ich nicht alles aufzählen. Mein letzter Einsatz war bei der Hauptpost in Leipzig. Wir haben Aufräumarbeiten gemacht an der Stelle bei einem zerbombten Gebäude im dritten Stock, da stürzte eine Wand ein und drei von uns fielen zu Boden, zwei Polen und ich, und so wurde ich verletzt, meine Beine waren oberhalb des Knies gebrochen und ich hatte ein Loch in meinem Kopf.“
NS-Zwangsarbeit bei den Leipziger Verkehrsbetrieben
Die Leipziger Verkehrsbetriebe beschäftigten während des Krieges mehr als 970 zivile Zwangsarbeiter:innen sowie mehrere hundert Kriegsgefangene. Für ihre Unterbringung errichtete das Unternehmen mindestens zwölf Lager, beispielsweise in einer ehemaligen Brauerei in der Dieskaustraße. Dort wurden mindestens 150 tschechische, belgische und französische Männer in einem Saal untergebracht. Ein ehemaliger Zwangsarbeiter erinnerte sich, dass im Saal „ein eiserner Ofen [stand], wie es sie früher in den Wartehallen der Eisenbahn gab, aber es war kein Brennstoff da, da wurde alles Mögliche verbrannt. Zum Waschen gab es nur einen Blechtrog. In einem Raum standen sechs Klosetteimer, das war alles“. Kurz vor Kriegsende wurde dieses Lager bei einem Luftangriff zerstört; dabei kam der tschechische Zwangsarbeiter Alexander Triska ums Leben. Die Zwangsarbeiter:innen wurden bei den LVB in fast allen Abteilungen eingesetzt: als Schaffner:innen, Fahrer:innen, Wagenwäscher:innen und Gleisbauarbeiter. Zudem beförderten die LVB auch Zwangsarbeiter:innen zu ihren täglichen Arbeitseinsatzorten und Lagern.
Bereits vor Projektbeginn hatte Lilith Günther für uns im LVB-Archiv sowie in weiteren Archiven umfangreiche Recherchen zum Zwangsarbeitereinsatz bei den Leipziger Verkehrsbetrieben durchgeführt. Diese Ergebnisse fließen nun in die Entwicklung der neuen Bildungsmodule mit ein.
Projektarbeit mit den Auszubildenden
Im Sommer fanden die ersten Projektwochen mit Pilotgruppen von Auszubildenden der Leipziger Stadtverwaltung und der LVB statt. Mit den Azubis der Stadtverwaltung besuchten wir das Leipziger Stadtarchiv, durchforsteten Aktenbestände und reflektierten über die Rolle der Verwaltung während des Nationalsozialismus. Besonders intensiv diskutierten wir die bürokratische Sprache jener Zeit und die scheinbare „Normalität“ im Umgang mit der Organisation der Zwangsarbeit. Ein Höhepunkt der Woche war eine eigenständige Spurensuche in der Leipziger Innenstadt, bei der einige Auszubildende einen Rundgang konzipierten. Diesen konnten wir direkt Anfang September mit Auszubildenden des neuen Ausbildungsjahres erproben. Der Rundgang startete am Neuen Rathaus, dem zentralen Ort der Verwaltung, und führte unter anderem zum ehemaligen Lager Annenschule.
Mit den Auszubildenden der Verkehrsbetriebe besuchten wir das Straßenbahnmuseum Leipzig, das von der Arbeitsgemeinschaft „Historische Nahverkehrsmittel Leipzig e. V.“ betrieben wird. Dort konnten wir historische Wagen aus der NS-Zeit besichtigen und die Abschnitte lokalisieren, in denen sich die Zwangsarbeiter:innen während der Fahrt aufhalten mussten. Dadurch wurden die Informationen, die wir zuvor nur in den Akten gelesen hatten, greifbarer, und den Auszubildenden wurde deutlich, wie präsent, alltäglich und sichtbar das Verbrechen Zwangsarbeit für die damalige Leipziger Bevölkerung war. Darüber hinaus haben die Auszubildenden mithilfe eines überlieferten Nameverzeichnisses Biografien von bei den LVB beschäftigten Zwangsarbeiter:innen recherchiert und Ideen entwickelt, wie deren Lebenswege und Schicksale zukünftig vermittelt werden können.