Gedenkstätte Zwangsarbeit in Leipzig - Glossar

 

Aktion T4
Tarnbezeichnung für die systematische Ermordung von etwa 70.000 Menschen mit physischen oder psychischen Behinderungen zwischen 1940 und 1945. Benannt nach dem Sitz der für die Planung zuständigen Dienstelle in der Tiergartenstraße 4 in Berlin. Die Aktion T4 war Teil der Krankenmorde – auch "Euthanasie" – mit über 200.000 Opfern.

Alliierte
Bezeichnung für das Bündnis der Großmächte Frankreich, Großbritannien und USA gegen die Achsenmächte Deutschland, Japan und Italien. Nach der deutschen Kapitulation übten die Alliierten in den jeweiligen Besatzungszonen bis 1949 die Kontrolle aus.

Arbeitserziehungslager (AEL)
Straflager zur Disziplinierung von ausländischen zivilen Zwangsarbeiter_innen, politischen Gegner_innen u.a., unterstanden der Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Zwangsarbeiter_innen konnten bei "vertragsbrüchigem Verhalten" wie Sabotage, Fluchtversuchen oder „Arbeitsbummelei“ für einen begrenzten Zeitraum von einigen Wochen eingewiesen werden. Die Bedingungen waren KZ-ähnlich, die Häftlinge mussten schwere Zwangsarbeit verrichten. Nach der AEL-Haft wurden die Zwangsarbeiter_innen an ihre Betriebe zurück überstellt oder in ein KZ eingewiesen.

Arbeitskommando
Gruppe von Zwangsarbeiter_innen, gegliedert nach ihrem Arbeitseinsatz oder Arbeitgeber. Häufig wurde die Gesamtheit der Häftlinge eines KZ-Außenlagers oder eines Kriegsgefangenenlagers als Arbeitskommando bezeichnet.

Arisierung
Begriff für den Prozess der Verdrängung und Ausgrenzung der Juden und Jüdinnen aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft ab 1933, der mit ihrer materiellen wie finanziellen Enteignung und zunehmenden Beschränkung ihrer Arbeitstätigkeit einher ging.

"Asoziale"
Abwertende Bezeichnung für Menschen, die als minderwertig betrachtet wurden, oft aus sozial schwachen Milieus stammten oder sich in den Augen der Nationalsozialisten unangepasst verhielten. Dies betraf u.a. Obdachlose, Landstreicher_innen, Alkoholiker_innen, Prostituierte, arbeitsunwillige Fürsorgeempfänger_innen oder sexuell freizügige Menschen. Auch Sinti und Roma galten als „Asoziale“. Seit 1937 konnte, "wer durch sein asoziales Verhalten die Allgemeinheit gefährdet", in ein Konzentrationslager eingewiesen werden.

Auffanglager
Auffang- oder Sammellager waren zumeist die erste Station von Zwangsarbeiter_
innen auf ihrem Weg in das Deutsche Reich, bevor sie auf ihre späteren Arbeitsstellen verteilt wurden. Häufig fand in den Auffanglagern die erste amtliche Registrierung der ankommenden Zwangsarbeiter_innen statt.

Ausländerbaracke
Umgangssprachliche, abwertende Bezeichnung für die Barackenunterkünfte von Zwangsarbeiter_innen.

Ausländerkinderpflegestätte
Einrichtungen, in denen Säuglinge und Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen von ihren Müttern getrennt untergebracht wurden. Die hygienischen Zustände waren katastrophal und die Ernährung unzureichend. Die Sterblichkeitsrate war in den Ausländerkinderpflegestätten entsprechend hoch – mindestens 100.000 Kinder kamen in diesen Einrichtungen ums Leben.

Ausländerkrankenhaus
Für zivile Zwangsarbeiter_innen eingerichtete Krankenhäuser, die dem Prinzip der rassistischen Separierung folgten und weitaus schlechter ausgestattet waren als übliche Krankenhäuser.

Betriebslager / Firmenlager
Lager für zivile Zwan
gsarbeiter_innen, das dem Betrieb unterstand und sich zumeist auf dem Betriebsgelände befand.

"Bordell für fremdvölkische Arbeiter"
Wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 erschien ein Erlass des Reichsinnenministers Wilhelm Frick, in dem er die Planung und den Aufbau von Bordellen für „fremdvölkische Arbeiter“ anordnete. Sie sollten außerhalb geschlossener Ortschaften, aber in der Nähe der Zwangsarbeitslager liegen. Die Bordelle sollten nur für westeuropäische Zwangsarbeiter zugänglich sein, als Prostituierte nur „fremdvölkische“ Frauen in Frage kommen.
Im Raum Leipzig wurden fünf solcher Bordelle in Betrieb genommen: in der Moritzstraße 25 und 27, im Lager „Hasenheide“ in Böhlitz-Ehrenberg, in Pulgar und in Espenhain. Mindestens 70 ausländische Sex-Zwangsarbeiterinnen waren in diesen Bordellen tätig.

Deutsche Arbeitsfront (DAF)
Nach der Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 gegründete nationalsozialistische Massenorganisation für Arbeitgeber_innen und Arbeitnehmer_innen. Verfügte über eigene Lager und Heime, in denen auch Zwangsarbeiter_innen untergebracht wurden. Die DAF war außerdem für die kulturelle Betreuung vieler Zwangsarbeiter_innen zuständig.

Demontage
Abbau von Produktionsmitteln nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges durch die Alliierten, die die Güter in ihre Heimat verbrachten. Die Demontagen dienten der Reparation und dem Ausgleich von Kriegsschäden. Mit ihnen sollte außerdem ein militärisches Wiedererstarken Deutschlands verhindert werden.

Displaced Persons (DPs)
Alliierte Sammelbezeichnung für all jene Zivilpersonen, die nach Deutschland verschleppt worden waren und daher nach Kriegsende eine besondere Betreuung, Fürsorge und organisierte Rückkehr benötigten (sinngemäß für „nicht an diesem Ort beheimatet“). Die Gruppe der DPs umfasste vornehmlich die nach Deutschland deportierten Zwangsarbeiter_innen und die befreiten KZ-Häftlinge. Unmittelbar nach Kriegsende befanden sich schätzungsweise mehr als 10 Millionen DPs in Deutschland.

DP-Camp
Lager für die Unterbringung von DPs, die unter anderem in Schulen, Kasernen, aber auch in den früheren Zwangsarbeits- und Konzentrationslagern zunächst behelfsmäßig eingerichtet wurden. Die Betreuung übernahmen die Alliierten. In den Camps erhielten die DPs Kleidung, Nahrung und eine erste medizinische Grundversorgung. Dort erfolgte zumeist auch ihre Registrierung, die u.a. der Vorbereitung für die Repatriierung diente.

Dringlichkeitsstufe I
Wirtschaftspolitisches Planungs- und Lenkungsmittel, das kriegswichtigen Betrieben eine Vorrangstellung sicherte. Arbeitsämter waren angewiesen, zuerst Betrieben mit Dringlichkeitsstufe I Arbeitskräfte zu vermitteln.

Durchgangslager (Dulag)
Zumeist provisorisch eingerichtete Lager, die zur vorübergehenden Unterbringung von Kriegsgefangenen und zivilen Zwangsarbeiter_innen genutzt wurden, die auf dem Weg zu ihrem Bestimmungsort waren.

"Euthanasie" Aktion T4

Flick-Konzern
Der von Friedrich Flick gegründete Konzern war umfangreich an Rüstungsfirmen beteiligt und gilt reichsweit als einer der größten Profiteure von NS-Zwangsarbeit. 1947 fand der sogenannte Flick-Prozess statt. Friedrich Flick wurde als Kriegsverbrecher zu sieben Jahren Haft verurteilt, aber schon 1950 aus der Haft entlassen. Er stieg zu einem der bedeutendsten Unternehmer der Bundesrepublik auf.

Fliegerschadenbeseitigung
Bezeichnung für die Aufräumarbeiten nach Bombardierungen, die häufig Zwangsarbeiter_innen ausführten.

Fremdarbeiter
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts gebräuchlicher Begriff für Arbeitsmigrant_innen, Wanderarbeiter_innen oder Zwangsarbeiter_innen. Heute durch den Begriff "ziviler Zwangsarbeiter / zivile Zwangsarbeiterin" ersetzt, um den Zwangscharakter des Arbeitsverhältnisses deutlich zu machen.

Gefolgschaftshaus
Gemäß dem „Führerprinzip“ wurde die Belegschaft eines Betriebes Gefolgschaft genannt, die den Weisungen und Aufträgen des „Betriebsführers“ folgte. Ihr Versammlungs- und Veranstaltungsort war das sogenannte Gefolgschaftshaus, für das zumeist die Deutsche Arbeitsfront (DAF) zuständig war.

Häftlinge (Schutzhäftlinge)
Insassen
und Insassinnen der Konzentrationslager, deren Arbeitseinsatz ab 1942 das SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt (SS-WVHA) organisierte. Die SS beutete die Arbeitskraft der Häftlinge in ihren eigenen Wirtschaftsbetrieben aus, sie verlieh aber auch Häftlinge in großem Ausmaß an private Unternehmen und insbesondere an Rüstungsbetriebe. Für den Einsatz von Häftlingen in Rüstungs- und Großbetrieben wurden eigene KZ-Außenlager errichtet. Etwa 1,1 Millionen KZ-Häftlinge leisteten Zwangsarbeit in der deutschen Wirtschaft.

Italienische Militärinternierte (IMI)
Als Italien im September 1943 den Waffenstillstand mit den Alliierten schloss, besetzte die Wehrmacht große Teile des Landes. Die entwaffneten italienischen Soldaten deportierte sie in das Deutsche Reich. Um ihnen den internationalen Schutz als Kriegsgefangene zu entziehen, erhielten sie den Status von Militärinternierten. Die Gruppe der italienischen Militärinternierten umfasste circa 600.000 Personen. Viele von ihnen wurden später in den Status von zivilen Zwangsarbeitern überführt.

Judensammelstelle
Sammelpunkt für Juden und Jüdinnen, an dem sie bis zu ihrer Deportation festgehalten wurden.

Kriegsgefangene
Soldaten feindlicher Armeen, die von der deutschen Wehrmacht im Kriegsverlauf gefangen genommen wurden. Für die Behandlung von Kriegsgefangenen galten die völkerrechtlichen Regelungen der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention. Kriegsgefangene wurden nach anfänglichem Zögern in immer stärkerem Ausmaß zur Arbeit gezwungen. Ihre Bewachung und Verwaltung oblag der Wehrmacht. Größere Gruppen von Kriegsgefangenen wurden in den Zivilstatus überführt, um in der Rüstungsindustrie eingesetzt zu werden.

KZ-Außenlager
Ab 1942 entstanden flächendeckend KZ-Außenlager in der Nähe bedeutender Betriebe und Einsatzorte, auch Arbeitskommandos genannt. Sie waren als Außenlager einem großen Konzentrationslager (Stammlager), z.B. Buchenwald, zugeordnet. Die Stammlager übernahmen die Verwaltung der Arbeitseinsätze, die Ausführung von verhängten Strafen oder dienten als Sterbelager erkrankter Häftlinge. Am Ende des Zweiten Weltkriegs war ein Großteil der KZ-Häftlinge in Außenlagern inhaftiert.

Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV)
Nationalsozialistische
Wohlfahrtsorganisation, die sozialfürsorgerische Programme und Tätigkeiten ausübte. Nach der Deutschen Arbeitsfront war die NSV die zweitgrößte Massenorganisation des "Dritten Reiches".

Nationalsozialistischer Lehrerbund
Berufsverband der Lehrer_
innen und Erzieher_innen während des "Dritten Reiches".

"Ostarbeiterin" / "Ostarbeiter"
Offizielle Bezeichnung für Zwangsarbeiter_innen aus den besetzten Gebieten der Sowjetunion, von denen die meisten gewaltsam in das Deutsche Reich verschleppt wurden. Im rassistisch gegliederten Zwangsarbeitssystem wurden sie weitaus schlechter behandelt als andere nationale Gruppen und mussten zusätzlich ein stigmatisierendes „OST“-Abzeichen auf der Kleidung tragen. Mit 2,8 Millionen Menschen stellten sie die größte Gruppe der 8,4 Millionen zivilen Zwangsarbeiter_innen im Deutschen Reich dar.

Protektorat Böhmen und Mähren
Die Annexion der Tschechoslowakei begann 1938 mit dem „Münchner Abkommen“. Nachdem die Grenzregionen dem deutschen Staatsgebiet angegliedert worden waren, besetzte die Wehrmacht im März 1939 das übrige Gebiet (die sogenannte „Rest-Tschechei“), das als „Protektorat Böhmen und Mähren“ bezeichnet wurde.

Reichsarbeitsdienst (RAD)
Der Reichsarbeitsdienst war ein für männliche Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren obligatorischer Arbeitsdienst von einem halben Jahr. Mädchen und Frauen konnten ihn zunächst freiwillig leisten, mit Kriegsbeginn wurde er auch für sie obligatorisch. Der RAD war Teil des NS-Erziehungssystems. Während des Zweiten Weltkrieges lebten die "Arbeitsmänner" und "Arbeitsmaiden" kaserniert in Lagern. Oft wurden diese Lager auch zur Unterbringung von Zwangsarbeiter_innen genutzt.

Repatriierung
Systematisch organisierte Rückführung der ehemaligen Zwangsarbeiter_innen (Displaced Persons) in ihre Herkunftsländer durch die alliierten Besatzungsmächte nach Kriegsende. Nicht alle DPs ließen sich repatriieren, sondern entschieden sich für die Auswanderung, um Diskriminierungen und Verfolgungen in ihren Herkunftsländern zu entgehen.

Schutzstaffel (SS)
U
rsprünglich als Personenschutz für Adolf Hitler gegründet, entwickelte sich die SS zum wichtigsten Unterdrückungsinstrument innerhalb des nationalsozialistischen Staates. Mit brutalen Methoden setzte die SS den Herrschaftsanspruch der NSDAP durch. In ihren Zuständigkeitsbereich fielen die Konzentrationslager und deren Häftlinge, die sie rücksichtslos schikanierten und deren Arbeitskraft sie bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges in immer stärkerem Maße ausbeuteten.

Sturmabteilung (SA)
Paramilitärische politische Kampforganisation der NSDAP, deren Mitglieder uniformiert und bewaffnet waren. Die SA verfügte über eigene SA-Heime, in denen am Ende des Zweiten Weltkrieges auch Zwangsarbeiter_innen untergebracht wurden.

Sowjetische Aktiengesellschaft (SAG)
Unternehmen, die
zur Erfüllung von Reparationsansprüchen in sowjetisches Eigentum überführt wurden. Die Leitung oblag der sowjetischen Militäradministration.

Sowjetische Militäradministration (SMAD)
Oberste Besatzungsbehörde und Regierungsgewalt in der sowjetischen Besatzungszone bis zum 10.10.1949.

Stammlager (Stalag)
Bezeichnung der
Lager für Kriegsgefangene, die von der Wehrmacht errichtet, verwaltet und betrieben wurden. Die Kriegsgefangenen wurden in den Stammlagern registriert und von dort aus ihren jeweiligen Arbeitskommandos zugeteilt. Im militärischen Sprachgebrauch war die Kurzform "Stalag" üblich. Der Begriff "Stammlager" wird auch als Bezeichnung der KZ-Hauptlager verwendet.

Umsiedler
Deutsche Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten des Deutschen Reiches, die sich nach Kriegsende in der sowjetischen Besatzungszone neu ansiedelten.

Volkseigener Betrieb (VEB)
Rechts- und Organisationsform der enteigneten und verstaatlichten Betriebe und Firmen in der sowjetischen Besatzungszone und DDR.

Wehrwirtschaftsbetrieb
Betriebe, die für Heer, Luftwaffe und
Kriegsmarine produzierten, deren Nachschub sicherten und als kriegswichtig klassifiziert wurden. Die Einstufung als „Wehrwirtschaftsbetrieb“ (auch „W-Betrieb“) räumte den jeweiligen Betrieben eine erhöhte Priorität in der Zulieferung von Produktionsmaterial und der Bereitstellung von Arbeitskräften ein.

zivile Zwangsarbeiter_innen / Zivilarbeiter_innen
Bezeichnung für Zwangsarbeiter_
innen, die weder KZ-Häftlinge noch Kriegsgefangene waren und somit nicht der Wehrmacht oder der SS, sondern den Arbeitsämtern unterstanden. Zumeist wurden sie privat oder betrieblich in entsprechenden Sammelunterkünften untergebracht. Umgangssprachlich wurden sie als „Fremdarbeiter“ bezeichnet. Von den mehr als 14 Millionen Zwangsarbeiter_innen im Deutschen Reich waren schätzungsweise 8,4 Millionen ausländische Zivilarbeiter_innen.

Zwangsarbeitslager
Lagerunterbringung für zivile Zwangsarbeiter_innen, die in Größe und Ausstattung stark variierten. Zu ihnen gehörten neu aufgebaute Barackenlager, umgenutzte Gaststätten, Turnhallen und Schulen, die teils notdürftig bereitgestellt wurden und zumeist überfüllt waren. Im Leipziger Stadtgebiet befanden sich etwa 700 solcher Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiter_innen.

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