Gedenkstätte Zwangsarbeit in Leipzig - ausgewählte Orte

In unserer Social-Media-Aktion #nszwangsarbeitinleipzig stellen wir ausgewählte Orte von NS-Zwangsarbeit in Leipzig mit aktuellen Fotos ausführlicher vor. Es handelt sich um exemplarische Orte, an denen sich noch Spuren der damaligen Nutzung finden lassen.

Gemeinschaftslager Südbräu (heute Feinkost)

Teile des heutigen Feinkost-Geländes im Leipziger Stadtteil Südvorstadt (Adolf-Hitler-Straße 36 (heute Karl-Liebknecht-Straße 36 bzw. Braustraße 28) wurden während des Zweiten Weltkriegs zur Unterbringung von Zwangsarbeiter_innen genutzt. Dies betraf insbesondere das von der damaligen Vereinsbrauerei betriebene „Gesellschaftshaus Süd-Bräu“ mit dem künstlerisch aufwendig gestalteten Gildensaal. Dieser war kurzerhand zum Schlafsaal umgebaut worden, während im Keller ein Speise- und ein Aufenthaltsraum sowie Waschräume eingerichtet worden sind.
Zunächst hatte im Dezember 1941 die Firma Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG die Räumlichkeiten für ein sogenanntes „Ausländerlager“ genutzt.

Ab Februar 1943 übernahm die Leipziger Wirtschaftskammer die Räumlichkeiten und führte es fortan als Gemeinschaftslager „Südbräu“. Die hier untergebrachten Zwangsarbeiter_innen waren in 96 verschiedenen - zumeist kleineren - Betrieben in der Leipziger Südvorstadt eingesetzt, wie bspw. in einer Schuhmacherei, bei einem Schneidermeister oder in einer Werkzeugmaschinenfabrik.
Das Lager wurde zunächst mit 100 Personen belegt, bis März 1945 erhöhte sich die Zahl jedoch auf 185 Zwangsarbeiter_innen, darunter Franzosen, Belgier, Tschechen, Italiener, Ungarn, "Ostarbeiter" (Ukrainer), Polen.

Im Februar 1945 wurde der als Schlafsaal genutzte Gildensaal bei einem Luftangriff vollständig zerstört. Das Kellergeschoss hingegen blieb unversehrt und wurde ab Mitte März nach notdürftiger Instandsetzung wieder zur Unterbringung von ca. 100 Menschen genutzt.

Heute dient der ehemalige Gildensaal, der auf den Fotos zu sehen ist, als Verkaufsfläche und Werkstatt.
Vielen Dank an Feinkost eG und Goldstein Interieur für die Fotoerlaubnis.

Fotos: GfZL/JU

Gartenvereinskantine Prießnitzbad

Im April 1941 beschreibt der Lagerführer und Gastwirt Paul Weber das Zwangsarbeitslager "Prießnitzbad" wie folgt:
"Das Lager ist der Saal der Gartenvereinskantine Priessnitzbad. Das Gebäude ist massiv gebaut. Der Saal 12 x 16m groß. Die Inneneinrichtung besteht aus 60 Betten, die zweifach übereinanderstehen. [...] Als Aufenthaltsraum dient der vom Saal nicht mit Betten belegte Teil. Er ist mit Tischen und Stühlen ausgestattet. Für jeden Lagerinsassien ist ein Schrank vorgesehen, die aber noch nicht angeliefert werden konnten. Die Verpflegung hat der Wirt bis auf das Mittagessen übernommen. Das Mittagessen nehmen die Belgier in der Werkskantine ein. Der Wirt des Priessnitzbades ist gleichzeitig als Lagerführer eingesetzt und sorgt für die Sauberkeit."

Das Gebäude des "Naturheil-Vereins Prießnitz" in Leipzig-Leutzsch war im Frühjahr 1941 an die Firma Rudolph Sack vermietet worden. Das Unternehmen war vor dem Krieg einer der größten Landmaschinenhersteller in Deutschland und stellte in den 1930er Jahren zunehmend auf Rüstungsproduktion (Maschinengewehr-Wagen, Hülsen für Bomben und Granaten) um. Ab 1941 beschäftigte die Firma ausländische Zwangsarbeiter_innen, deren Zahl sich bis Kriegsende auf über 3.000 erhöhte. Ihre durchschnittliche Wochenarbeitszeit betrug 68 Stunden. Das Werk befand sich auf dem heutigen "Jahrtausendfeld" an der Karl-Heine-Straße.

Im Lager "Priessnitzbad" (Deckname "Am Entenweiher") waren zunächst Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, Serbien, Polen, Bulgarien, Rumänien, der Slowakei und der Ukraine untergebracht. Im März 1943 wurden sie in andere Lager der Firma verlegt, und stattdessen zogen 75 Holländer in das Lager „Am Entenweiher" um. Auch wenn die Holländer im Lager Lebensmittelpakete von Verwandten empfangen konnten, war ihre Ernährung unzureichend. Aus den Akten geht hervor, dass auch die Bekleidung und medizinische Versorgung mangelhaft waren. Auf die schlechten Lebensbedingungen deutet auch der relativ hohe Krankenstand hin. Mehreren Zwangsarbeitern gelang die Flucht aus dem Lager.

Heute wird das Gebäude als Vereinshaus des Kleingartenvereins "Prießnitz-Morgenröte" genutzt.

Fotos: GfZL/AF

Kamenzer Straße 12

In diesem Gebäude in der Kamenzer Straße 12 wurde im Juni 1944 das erste Frauen-Außenlager des KZ Buchenwald eingerichtet. In dem Lager waren bis zu 5.000 Frauen untergebracht, die für den Rüstungskonzern HASAG Zwangsarbeit leisten mussten.

Diese Fabrikhalle der HASAG, die sich im nördlichen Teil des Werksgeländes befand, ist auch heute noch erhalten. Der Gebäudekomplex im Leipziger Nordosten befindet sich derzeit in privater Hand. Wie aus verschiedenen Debatten im Stadtrat und dem Sächsischen Verfassungsschutzbericht 2018 hinlänglich bekannt ist, dient das Gebäude, in dem sich einst das KZ-Außenlager „HASAG-Leipzig“ befand, der militanten Rechtsradikalenszene als Treffpunkt. In den vergangenen zehn Jahren haben auf dem Areal regelmäßig Konzerte mit einschlägig rechtsradikalen Bands stattgefunden und neonazistische Akteure, wie u.a. das »Imperium Fight Team«, haben hier ihren Trainingsort eingerichtet.

Anfang Juni 1944 kamen an diesem Ort die ersten Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück im KZ-Außenlager „HASAG-Leipzig“ an. Dabei handelte es sich überwiegend um so bezeichnete „politische“ Polinnen, die zuvor im KZ Majdanek gewesen waren. Einige Wochen später wurden weitere Frauen aus der Sowjetunion, Frankreich und Polen in das Lager eingeliefert. Anfang August trafen zudem über 1.200 polnische Jüdinnen in Leipzig-Schönefeld ein. Diese hatte die HASAG aus dem aufgelösten firmeneigenen Zwangsarbeitslager in Skarzysko-Kamienna im Generalgouvernement zur Zwangsarbeit nach Leipzig bringen lassen.

Insgesamt befanden sich Frauen mit 28 verschiedenen Nationalitäten in diesem Lager. Unter schwersten Bedingungen mussten sie in 12-Stunden-Schichten in der Rüstungsproduktion der HASAG schuften, vor allem in der Fertigung von Munition und Granaten. Hunger, Krankheiten, Erschöpfung, Gewalt und regelmäßige Selektionen prägten den Lageralltag.

Seit 2009 erinnert vor Ort eine vom VVN/BdA Leipzig installierte Gedenktafel an das ehemalige KZ-Außenlager und die dort inhaftierten Frauen. Die Tafel wurde in den vergangenen Jahren mehrmals zerstört. Mit dem Stadtratsbeschluss vom 28. Mai 2020 wurde festgelegt, dass die Stadt Leipzig ihrerseits eine Gedenktafel in der Kamenzer Straße 10 & 12 errichten wird.

Tipp zum Weiterlesen: Offener Brief des Ladenschlussbündnis zur heutigen Nutzung https://ladenschluss.noblogs.org/offener-brief/

Fotos: GfZL

Weißenfelser Straße 65

In der Weißenfelser Straße 65 am Karl-Heine-Kanal befand sich ein Werksstandort der Firma Grohmann & Frosch, eine Verzinkerei mit Wellblechwalzenwerk. Einige der Gebäude des Werkes sind auch heute noch erhalten. Darunter das sogenannte „Stelzenhaus“, das 1937 als Lagerhalle errichtet worden war und das während des Krieges als Unterkunft u.a. für italienische Militärinternierte diente, die für die Firma Zwangsarbeit leisten mussten.

Der Betrieb fertigte ab den 1930er Jahren hier sowie in seinem Stahlbauwerk in der Spinnereistraße zunehmend Rüstungsgüter an: Teile für U-Boote, Benzintanks, Munitionskisten, sowie Stahlkonstruktionen für Flugzeughallen und Rüstungsbetriebe. Das in großem Umfang hergestellte Stahlblech "Siegfried" sollte deutsche Panzer vor gegnerischen Panzergranaten schützen.

Während dieser Zeit setzte die Firma an beiden Standorten zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ein. Im März 1945 waren neben 255 deutschen Arbeitern 334 ausländische zivile Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene aus Frankreich, Italien, der Sowjetunion und der Slowakei in den Werken beschäftigt.

Die 1888 durch Wilhelm Frosch und Rudolph Grohmann gegründete Firma wurde 1947/48 enteignet und ging im VEB Leipziger Stahlbau und Verzinkerei (LSV) auf, der 1971 vom VEB Schwermaschinenbau S.M. Kirow übernommen wurde.

Fotos: GfZL/AK


Kochstraße 132

Auf dem Gelände in der Kochstraße 132, wo heute die Kulturfabrik Werk 2 untergebracht ist, befand sich während des Zweiten Weltkriegs das Werksgelände der Firma Schirmer, Richter & Co.

Die Firma, die als Gasmesserfabrik gegründet worden war, stellte 1938 auf die Produktion von Rüstungsgütern um. Ab 1940 beschäftigte sie französische Zwangsarbeiter_innen (überwiegend Fachkräfte wie Dreher, Schweißer, Klempner, Elektriker) und ab 1941 auch "Ostarbeiter_innen". 1945 machten die 200 Zwangsarbeiter_innen die Hälfte der Belegschaft aus. Sie waren direkt auf dem Werksgelände untergebracht. 1944 betrug die durchschnittliche Wochen-Arbeitszeit der Zwangsarbeiter_innen 69 Stunden.

Die Betriebsleiter, Wilhelm Schirmer und sein gleichnamiger Sohn, wurden 1949 wegen Misshandlungen von Zwangsarbeiter_innen zu Freiheitsstrafen verurteilt. Ab 1948 wurde der Betrieb treuhänderisch durch die Stadt Leipzig verwaltet und 1952 liquidiert.

Literatur: Florian Schäfer/Paula Mangold: Vergessene Geschichte - NS-Zwangsarbeit in Leipzig. Zwei Rundgänge durch Connewitz und Lindenau, Leipzig 2014.

Fotos: GfZL/JU

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